Entrepreneurship jenseits des “Weiter so”

Jüngst lenkte Greta Thunberg mit einem Satz die Aufmerksamkeit auf die Systemfrage: “wenn Lösungen innerhalb dieses Systems so unmöglich zu finden sind, vielleicht sollten wir dann das System selbst ändern”. Wenn Sie, werte Lesende, den Mut und die Absicht besitzen, “dieses System” zu verändern, dann sind Sie vielleicht neugierig, wie dies gelingen kann.

Albert Einstein sagte: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind”. Wenn wir also unsere bestehenden Lösungsstrategien weiternutzen oder optimieren, werden wir unsere Probleme nicht lösen.

Ein Ausschnitt eines System-Modells der Nahrungsmittelindustrie

Ein Beispiel: Verbrennungsmotoren in Autos setzen so viel CO2 in die Atmosphäre frei, dass Einigkeit über einen drastischen Reduktionsbedarf der Emissionen herrscht. Reduzieren wir dieses Problem auf den Ort, wo die Emissionen entstehen, nämlich bei der Verbrennung von Treibstoff, so erhalten wir schnell eine vermeintliche Lösung: Elektromotoren. Noch eine Batterie in die Autos und fertig ist die Lösung. Was bei solch reduktionistischen Denken nicht berücksichtigt wird: die bestehenden Autos mit Verbrennungsmotor werden noch Jahre später weitergenutzt. Die Emissionen für die Herstellung eines Batterie-betriebenen Autos und den zum Laden notwendigen Strom sind in Deutschland so hoch, dass das neue Auto noch mehr emittiert als vorher.

Wie lässt sich dieses Beispiel mit einer anderen Denkweise lösen?

  • Indem wir die Systemgrenzen unseres Denkens erweitern:
  • Warum werden Autos überhaupt genutzt? Je nach Wohnort aus Bequemlichkeit, weil Menschen weit weg von ihrem Arbeitsplatz wohnen, weil die Versorgung in entlegenen Orten nicht gut ist, oder weil der örtliche ÖPNV nicht ausgebaut sind.
  • Wohin führt die Autonutzung? Zu Emissionen, zu Stau, zu Versiegelung öffentlicher Flächen, zu weniger sozialem Austausch in Nachbarschaften. Sicher wird selbst der Volkswagen-Vorstand zustimmen, dass diese Folgen nicht erwünscht sind.
  • Systemisches Denken forscht bei jedem vermeintlichen Problem nach den Ursachen und den Folgen des Phänomens. Und es erlaubt, das Phänomen auf verschiedenen Ebenen zu reflektieren.

Was passiert, wenn wir die Systemgrenzen des Problems erweitern? Es entstehen automatisch Lösungen, die die Probleme grundsätzlicher angehen, allerdings auch verschiedene Akteure und Parteien involvieren.

Auch ein Autolobbyist wird eingestehen, dass es gesellschaftlich betrachtet einfachere und nachhaltigere Lösungen gibt, das Problem der Autoemissionen zu lösen. Zum Beispiel durch Ausbau des ÖPNV, durch Förderung von Fahrgemeinschaften oder durch Errichten von Co-Working-Spaces auf dem Land.

In unserer aktuellen Denkweise steht die Lösung durch Optimierung im Vordergrund. Außerdem denken wir sehr arbeitsteilig. Jeder Akteur übernimmt nur die Verantwortung für sein unmittelbares Handeln. Ein systemisches Denken führt schnell zu Lösungen, die eine Vielzahl Akteure involvieren. Dies ist der eigentliche Wandel den wir brauchen. Hierzu trägt eine Besteuerung von CO2 beschleunigend bei, allerdings erst, wenn die relevanten Akteure ein Miteinander gefunden haben. Es braucht Foren, in denen die relevanten und betroffenen Akteure die Zukunft gemeinsam gestalten und umsetzen.

Ein Entrepreneurship jenseits des “Weiter so” schafft Foren, in denen das neue Miteinander verhandelt und gemeinsam gestaltet wird. Es begleitet die Akteure bei der Umsetzung der neuen Konzepte und bringt sie immer wieder zusammen, um den Wandel nachhaltig zu verankern.