Aus der Ansicht in die Einsicht – Gespräche von der Beobachtung in die Reflektionsebene führen

Tina, Martin und Paul sitzen beim Mittagessen im Büro. Sie sprechen darüber wie andere im Supermarkt einkaufen.

“Beim Edeka an der Theke fragen sie immer direkt nach den Sonderangeboten” erzählt Martin von seinem Wochenende. “Denen ist völlig egal, wie der Käse schmeckt”, ergänzt er. Weil es beim Käse keine Plastiktüten mehr gebe, nehmen sich die Leute die Plastiktüten beim Gemüse. “Damit gehen sie dann zur Käseabteilung”, fügt er genervt hinzu. Aus seinen Gesichtszügen lässt sich eine Mischung aus Zynismus und Verärgerung erahnen.

Durch reflektierende Fragen können Beobachtungen und Ansichten zu Einsichten werden. Oft erkennen die Beteiligten erst durch bewusstes Erleben der Situation, wie die Situation mit ihnen selbst in Beziehung steht.

“Die Leute sind so bescheuert!” bestärkt Tina ihn resignierend. “Wenn die sich nicht verändern, werden wir nie gegen die Plastikberge ankommen.”

Paul fühlt sich nicht wohl bei diesem Austausch. Er hat schon öfter erlebt wie solche negativen Gedankenspiralen die Stimmung verderben. Und sie führen auch nicht zu einer Veränderung. “Die  Menschen verhalten sich widersprüchlich”, beginnt Paul. “Keiner will die riesigen Müllberge oder sterbende Fische, die sich im Plastik verheddern. Aber auch nicht auf einen bequemen und günstigen Einkauf verzichten.”

Und Paul vermutet etwas Grundsätzliches hinter diesen Ansichten – wäre es möglich, dass Tina, Martin und Paul sich auf ihre Art genauso verhalten wie die Menschen, die sie kritisieren? Vielleicht wird der Austausch konstruktiver, wenn Tina und Martin die Schuld nicht nur bei anderen sehen. Sondern erkennen, dass sie auch eine Verantwortung tragen.

“Kann es sein, dass wir genauso sind?” fragt deshalb Paul in die Runde. Nacheinander schaut er Martin und Tina an und ermutigt sie mit einem Lächeln, sich für diesen Gedanken zu öffnen. Martin glaubt das nicht und entgegnet nervös: “Ich verhalte mich in jedem Fall besser als der Durchschnitt.”

Tina überlegt etwas und gesteht ein: “Wir buchen auch das billigste Angebot, wenn wir in den Urlaub fliegen”, gibt Tina zu. Vielleicht ist es tatsächlich etwas grundsätzliches. Bequemlichkeit und günstige Angebote zeigen sich individuell anders, das Prinzip aber ist dasselbe.

Es herrscht Stille am Tisch. Die Situation löst sich langsam auf. Martins Gesichtszüge sind wieder gelassen. Die drei denken über das Gespräch nach.

Führung aus der Ansicht in die Einsicht

Was können Führungskräfte hieraus lernen? Aus bloßen Ansichten können Einsichten werden. Dies geschieht, wenn man Beobachtungen selbst erlebt. Das geht sowohl gedanklich als auch physisch. Und zwar durch Fragen, die zur Reflektion anregen, wie Paul dies getan hat.

Dies hat den Nutzen, dass wir als Menschen stärker mit unserer Intention verbunden sind. Ansichten erlauben uns den Austausch über Beobachtungen, aber bringen uns nicht ins Handeln. Das Handeln kommt erst durch die Einsicht.

Selbst-Transformation als Führungsaufgabe

Wenn wir als Führungskräfte Schwächen oft bei anderen sehen, lohnt sich eine Reflektion. Oft werden die Verhaltensmuster, die wir bei anderen sehen, auch in uns vorhanden sein. Es lohnt sich daher, sich selbst weiterzuentwickeln. Zum Beispiel durch ein Coaching oder Achtsamkeitstraining. Dies setzt oft auch die notwendigen Energien frei, andere zu diesem Schritt zu inspirieren.