“Ich zahle Ihnen 10.000 Euro, wenn Sie für mich tanzen”

Tanzbär in Beaulieu-sous-la-Roche, Frankreich 2007

Über den sehr empfehlenswerten Podcast economic update wurde ich auf einen bemerkenswerten Zwischenfall in London aufmerksam gemacht. Seit 33 Jahren findet dort eine Wohltätigkeitsgala statt, zu der dieses Jahr 360 Männer geladen waren.

Frauen befanden sich keine unter den geladenen Gästen – sie fanden sich ausschließlich unter den 130 Hostessen. In diesem Jahr auch zwei couragierte Reporterinnen der Financial Times, sodass es überhaupt zu diesem Bericht kommen konnte.

Während der Veranstaltung kam es zu sexueller Nötigung und Avancen der Teilnehmer gegenüber den Hostessen. Diese wurden von Personal der Hostessen-Agentur angewiesen, die Gäste “bei Laune zu halten”. Lange Aufenthalte auf der Toilette wurden sanktioniert. Näheres zu den Vorfällen beschreibt der Artikel in der Financial Times eindrucksvoll.

Was ist hier passiert?

Eine Gruppe mächtiger Personen nutzt ihre Machtposition scham- und würdelos aus. Es kommt hinzu: viele der Opfer der Agitationen lassen sich gegen Geld entwürdigen, es kommt zu keinem Protest. Die Veranstaltung findet seit mehr als 30 Jahren statt, ohne dass je über die Missstände berichtet wurde.

Was ist die Ursache dieses entwürdigenden Verhaltens?

Unsere Wirtschaft ist in vielen Teilen von steilen Hierarchien geprägt. Managerinnen und Manager definieren ihren sozialen Status über ihre Position in der Hierarchie. Rituale des Stärke-Zeigens und Schwäche-Bekennens sind Teil dieses Konstrukts. Wir lernen früh, zu gehorchen und andere zum Gehorsam zu zwingen. Diese Form der Destruktivität lässt sich in allen Gesellschaftsbereichen finden.

Was sind Alternativen?

Agil, eigenverantwortlich, kooperativ oder sogar demokratisch organisierte Wirtschaftsformen stellen eine Alternative dar. Wir haben uns politisch von einem feudalen Herrschaftssystem zur Demokratie bewegt. Tendenzen in diese Richtung lassen sich auch in manchen Teilen der Wirtschaft beobachten.

Haben einzelne nicht übermäßig mehr Macht als andere, entfällt die Notwendigkeit, diese Macht immer wieder zu demonstrieren, zu festigen und auszuleben. Es entfällt auch der Zwang, sich anderen zu unterwerfen, um in ihrer Gunst zu stehen.

Es gibt schon einige funktionierende Organisationen, die so wirtschaften. Eine der größten ist der Mondragon-Konzern mit mehr als 70.000 Mitarbeitenden. Sehenswerte Dokumentationen hierzu sind “Faire Arbeit – gerechter Lohn” und “Augenhöhe“.